Die Hafenanlagen der Colonia Ulpia Traiana

Topographie

Bundesrepublik Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Kreis Wesel
heutiger Ort:  Xanten
Koordinaten: ca. 51° 45’ N - 06° 55’ E



 


Die ca. 73 ha große römische Colonia Ulpia Traiana (CUT) wurde nördlich des um 12 v.Chr. über dem Rhein (heute Alt-Rhein) gelegenen Doppellegionslager Vetera I und II gegründet. Die um 100 n.Chr. gegründete Stadtanlage, deren östliche Stadtfront an einen natürlichen Rheinarm stieß, lag auf einer hochwasserfreien Terrasse, der sog. Niederterrasse,  ca. 12-17 m üNN.




 


Kultureller Kontext

Zu römischer Zeit müssen westlich und östlich dieser Niederterrasse, einer eiszeitlichen Moräne, bruchartige Gelände gelegen haben. Heute liegen die Ruinen der antiken Stadt ca.2 km vom  heutigen Verlauf des Rheins entfernt. Die Situation, daß der Alt-Rhein-Arm als Unterstrom mit dem Hauptstrom in Verbindung stand, sowie der asymmetrische Profilverlauf der Rinne mit einem stadtwärts gelegenen Prallhang bot die Gelegenheit zum Ausbau von Kaianlagen und somit für das sichere Festmachen der Schiffe zum Be- und Entladen. Als Arbeitsfläche dieses Flußhafens diente der Bereich vor den Stadtmauern, wie die Schicht IIIk der Altgrabungen vermuten läßt, welche hauptsächlich aus Schiefersplitter und Grauwackebrocken besteht. Als ausgleichende Schicht zwischen Stadtmauer und Kai wird sie als Reste vorübergehend gelagerten Materials interpretiert. Diverse Abfallschichten aus den neueren Grabungen lassen  ebenso eine rege Handwerkstätigkeit in Hafennähe vermuten.

An der weitläufigen Uferzone vor der Stadtmauer werden Werften und Schiffsländen vermutet. Durch die feuchten Erhaltungsbedingungen haben sich nicht nur die hölzernen Kaianlagen erhalten. Da schon in  römischer Zeit das Hafenbecken  teilweise als Müllkippe benutzt wurde, gelangten nicht nur Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs hinein sondern auch Spuren der damaligen Umwelt, deren Untersuchung heute die Möglichkeit zur Rekonstruktion der gleichzeitigen Flora und Fauna bieten. Doch nicht nur Müllablagerungen und eingeschwemmte Materialien haben das Aussehen der Hafenrinne bestimmt. Auch überschwemmungen haben dauerhafte Spuren hinterlassen. So lassen sich in den Ablagerungen drei größere überschwemmungshorizonte innerhalb des 1.Jhs.n.Chr. ablesen und somit den Schluß zu, daß bereits sehr früh der Hafen zu verlanden drohte. Schon in der zweiten Hälfte des 2.Jhs. n.Chr. war der Hafen verlandet und konnte nicht mehr als solcher genutzt werden. Er diente fortan weiterhin nur noch als Müllkippe. Hauptsächlich Funde aus der "Müllkippe", wie div. Holzfunde, Korbwaren, Leder und Textilien, Seile, Speise- und Pflanzenreste.

Die Datierung dieser Bauwerke beruht auf der archäologischen Interpretation der geologischen (alluvialen) Stratigraphie und deren beinhaltende Funde. Aus der Stadtgeschichte ist bekannt, daß 105/106 mit der Stadtmauerbau begonnen wurde. Erst 134/135 wurde der Hafenkai ausgebessert, womöglich auch nach Norden verlängert, da die Verlandung des Rheinarms von Süden her erfolgte. Auf dem verlandeten Teil entsteht außerhalb der Stadtmauer eine kleine Vorstadt aus Bootsschuppen (sic?) und Gewerbebetrieben (Chr.B.Rüger).




 


Forschungsgeschichte

Erste Grabungen 1934 bis 1937 (H.Stoll, P.Wieland, H.von Petrikovits): ca. 27 m der Kaianlage
Weitere Grabungen 1974 bis 1977 (M.Gechter): Kaianlage (Erweiterung nach Nordosten) und Mole

Wegen der beobachteten Grundwasserabsenkung und wegen der somit drohenden Austrocknung der Naßbefunde eingeleitete Rettungsmaßnahmen 1993. Erstellung eines geologischen Gutachtens zur Rekonstruktion der Rheinrinne zur Römerzeit sowie zur Rekonstruktion der Verlandungs- und Verlagerungsprozesse des Rheinarmes.




 


Datierung

Die Errichtung der Kaianlage wird zu Beginn des 2.Jhs.n.Chr. angesetzt ("in seiner letzten erkennbaren Form bald nach 98 n.Chr", "zwischen 80 n.Chr. und der Erbauung der CUT um 100 n.Chr.": H.v.Petrikovits). Die Kaianlage würde somit aus der Erbauungszeit der Stadt stammen. Da aber die geologische Stratigraphie noch nicht ganz geklärt ist, sind diese Ergebnisse der Grabungen aus den 30er Jahren mit der Einteilung in diverse Bauphasen nicht ganz schlüssig und bedürfen einer überprüfung. Die Erstellung des letzten Bauzustandes der Bohlbrücke (Bauperiode III) wird wegen der Verlandung des Rheinarmes ungefähr zwischen 120 und spätetens 150 n.Chr. anzusetzen sein (Keramikdatierung: H.v.Petrikovits). Die Tatsache, daß nach der Aufgabe des Siedlungsgeländes im 3.Jh.n.Chr. die Zone an der Terrassenkante abgespült wurde, lassen eine Bestimmung früher Laufhorizonte nicht eindeutig zu (S.Leih).




 


Hafenanlagen

Bei der Hafeninstallation der CUT handelt es sich um uferparallele hölzerne Kaianlagen.Sie befestigten und schützten die Uferkante und ermöglichten somit das Anlegen von Schiffen zum Löschen und Aufnehmen der Ladung. Rückwärtig schloß sich eine Balkendecke an. Letztere diente zur Stabilisierung und ermöglichte die Begehbarkeit der üferböschung. Für beide finden sich Parallelen im steinernen römischen Hafenbau.

Die älteste Ufersicherung  wurde innerhalb der neueren Grabungen erkannt und war ein Fangdamm, der aus kleinen Pfosten mit Astgeflecht bestand. Er stammt aus dem frühen 1. Jahrhundert und war nur in seinem unteren Bereich noch erhalten. Massiver waren die Uferbefestigungen der späteren Zeit. Drei Reihen sorgfältig bearbeiteter angespitzter Pfähle, die einen maximalen Durchmesser von 40cm besitzen, gehörten zu einer vermutlich in zwei Bauphasen erbauten stabilen Kaiwand. Hierüber wird die dendrochronologische Untersuchung der Hölzer nähere Aufschlüsse ergeben. 




 


Kai

Die Kaiwand innerhalb der Altgrabung bestand aus einer Balkenwand und einem Boden, der an deren Oberkante anschließt und als Holzbühne über den weichen Uferschlick gebaut war (vgl. Befunde London). In einen ausgehobenen Graben wurden rechteckig zugerichtete, nach unten zugespitzte Eichenpfosten gerammt, welche die unterste Balkenlage trugen. Der Rammpfosten Nr.7 hatte zwei rechtwinklig übereinander angeordnete, rechteckige Durchstecklöcher, durch deren unterstes ein Querholz durchgesteckt war und sicherlich dazu diente, die Last auf eine größere Fläche zu verteilen und somit ein Absacken des Pfostens im Schlick zu verhindern (Pfahlschuh).


Insgesamt bestand die Wand  aus vier Lagen flach verlegter Eichenbalken unterschiedlicher Länge und von rechteckigem Querschnitt, auf die eine fünfte Balkenlage hochkant aufgesetzt war. Die Balken dieser obersten Lage waren am Stoß verzapft. Die Längsverbindungen der unteren vier Balken waren überblattungen, gelegentlich auch stumpfe Stöße. Die Oberkante war waagerecht.

Mehrfach wurden schräge Durchbrechungen oder Ausarbeitungen in den Balken im oberem Bereich beobachtet. Aus der Form der Ausnehmungen kann gefolgert werden, daß Bohlen oder Balken in sie hineingesteckt wurden, deren Zweck unklar bleibt. Die Ausnehmung zwischen den Pfosten 15 und 16 war so geformt, daß eine in sie gesteckte 2,5 m lange Bohle auf einen etwa 1,1 m vor dem Pier in das Wasserbett eingeschlagenen gespaltenen Stamm mit zweiseitig abgesetztem Zapfen aufgezapft werden konnte. Vermutlich läßt sich ein schräg in den Rheinarm führender Laufsteg ergänzen (vgl. Befunde aus Pisa, San Rosone und Marseille). Die übrigen Ausnehmungen in der Kaiwand lassen sich jedoch nicht so erklären. Auch die Möglichkeit von einsetzbaren Lochblaken (in Analogie zu den Lochsteinen von Aquileia; vgl. auch Leptis Magna, Tiber-Hafen,...)  läßt sich technisch nicht vertreten, müßten sie doch anhand der Ausnehmungen abwärts weisen und dementsprechend in der Wand verankert gewesen sein.


Die Kaiwand wurde auf der Vorder- und Rückseite durch eingerammte oder eingegrabene Vierkantpfosten gehalten, welche teilweise den Graben der Kaimauertragepfosten durchschnitten. Flußseitig standen mehr Pfosten als landseitig. Offenbar wurden manche derselben erst nach der Erbauung der Wand eingesetzt, sei es, weil der Erddruck die Wand gefährdete oder weil man die Wand vor Beschädigungen durch Boote schützen wollte.  Diese Pfosten lassen sich in drei Gruppen gliedern, von denen eine die Kaiwand landseitig nur berührt, eine weitere stößt in Ausarbeitungen in die Kaiwand ein. Die dritte wurde erst zu einer Zeit eingeschlagen, als die Verlandung des Rheinarms schon weit fortgeschritten war (Bauperiode III).

Bauperioden: Bearbeitungsunterschiede des Baumaterials, stratigraphische Beobachtungen und Niveauunterschiede lassen auf drei nacheinanderfolgende Bauphasen für die Kaiwand wie auch für die Bohlenbrücke schließen. Während die Reihenfolge der festgestellten Bauperioden anhand der Altgrabungen der Kaiwand und der Bohlenbrücke recht sicher sind, so ist die absolute Chronologie der Bauperioden noch unsicher. Für den Kai hauptsächlich Eiche, für die Bohlbrücke neben dem größten Teil Eiche auch einen geringeren Anteil Kiefer.




Quay


Die "Holzbrückenkonstruktion": In die oberste und zweitoberste Balkenlage waren verlegte Ankerbalken mit Schwalbenschwänzen in Winkel eingebunden. Diese Ankerbalken waren auf teils gerammte, teils eingegrabene Pfosten aufgezapft und waren gegen den Rheinarm hin um 5-7,5° geneigt. Während die unteren Ankerbalken an ihrem landseitigen Ende blind ausliefen, führten die oberen Anker zu einem weiteren Balkensystem. Dies war ein aus Tragbalken, Auflagebalken und Belag gebildeter Boden, der auf Tragpfosten aufgezapft war. Die Bohlbrücke schloß mit der Kaiwand in einem Winkel von etwa 11,5° an. Gleichzeitig ist auch in den Profilen ein ansteigen der Bohlbrücke gegen Westen zu bemerken. Den Brückenbelag bildeten etwa 3 cm starke Bretter von mindestens 3 m Länge. Sie waren  mit Fugen von 5-10 cm verlegt. Wie der eigentliche Belag darüber ausgesehen haben mag ist unklar. Wie man sich auch den Kaibelag vorstellen mag, immer ergibt sich durch diese Winkel- und Niveauunterschiede eine Stufe vom Kai zur Bohlbrücke hinunter.




 


Diese Kaianlage war Bestandteil des Handelshafen der CUT: Warenstapel und Umschlagplatz am Ende wichtiger römischer Landverkehrswege mit Kontakten ins  rechtsrheinische Gebiet. Es bot sich hier die Gelegenheit eines sicheren Be- und Entladens sowie des Treidelns. überliefert ist auf einer Weihinschrift zum Wohle des Kaisers Antonius Pius (160n, heute im Rheinischen Landesmuseum, Bonn) der Baumaterialtransport mittels Lastschiffe der "classis germanica" zum Wiederaufbau des Forums der CUT.




Function Commercial


Zusammenfassende Würdigung

Ein Vergleich bietet die uferparallele Kaimauer in Aquileia. Es handelt sich hier um ein steinernes Bauwerk bestehend aus einer Reihe hochkant verbauter Orthostaten. Darüber liegt eine Lage flachverlegter, leicht vorspringender Platten mit in regelmäßigen Abständen vorkragenden Steinen mit senkrechtem Loch zur Vertäuung von Booten. Zu einer Holzkaiwand vgl.die Befunde aus London, Classe (Ravenna) und Pisa, San Rossone. Aus Pisa sind auch Befunde bekannt, welche auf einen ins Wasser führenden Steg deuten lassen. Ebenso aus Marseille. Die hier ebenfalls gefundene Holzkaiwand läßt sich nicht direkt mit der Balkenwand in Xanten vergleichen. Während sie in Xanten Bestandteil einer selbsttragenden Holzkonstruktion ist, so besitzt sie im Befund von Marseille lediglich die Funktion der Verschalung der rückwärtig eingebrachten Schüttung hydraulischen Betons (vgl. Homepage zum Hafen von Cosa). Eine Balkenwand-Uferbefestigung, deren Balken mittels Schwalbenschwanzverbindung verbunden sind, ist aus den Altgrabungen im und am  Lago di Nemi südlich von Rom bekannt. Eine Uferbefestigung aus einer Pfostenreihe bestehend ist auch aus Mainz bekannt.




 


Bibliographie

H.von Petrikovits, Die Ausgrabungen in der Colonia Ulpia Traiana. Die Ausgrabungen der Kernsiedlung und der Uferanlagen 1934-36, BJb 152 (1952) 138-157 - Chr.B.Rüger, in: H.G.Horn (Hrsg.), Die Römer in Nordrhein-Westfalen (1987), sv. Xanten, 619-650 - K.H. Knörzer-T.Leichtle-J.Meurers-Balke-R.Neidhöfer, Der römische Hafen von Xanten. Geologische und botanische Untersuchungen. Xantener Berichte 5 (1994) - S.Leih, Der römische Hafen der Colonia Ulpia Traiana in Xanten, in: H.G.Horn-H.Hellenkemper-H.Koschik, B.Trier (Hrsg.), Ein Land macht Geschichte. Archäologie in NRW (1995) 233-235. Bibliographie zu den Ankerfunden: G.Krause, Römische Anker aus Xanten und Duisburg. Colonia Ulpia Traiana, 4. Arbeitsbericht zu den Grabungen und Rekonstrukionen (1980) - H.J.Schalles, Zeugnisse römischer Schiffahrt. Neue Ankerfunde vom unteren Niederrhein. in: Spurenlese. Beiträge zur Geschichte des Xantener Raumes (1989) 81-88, Taf.6-7.




Bibliography


Autor

Marcus Heinrich Hermanns


 


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