Der Kothon von Mozia

Topographie  

Republik Italien, Region Sizilien, Provinz Trapani
Koordinaten:  ca. 12° 15’ N - 36° 50’ E

Insel San Pantaleo, vor der Westküste Siziliens. Privatbesitz der Stiftung Whitacker (Palermo, Italien)




 


 width= Die flache Insel San Pantaleo (ca. 45 ha) liegt ca. 1 km vor der Westküste in einer weiten Bucht als Bestandteil des kleinen Archipels der Isole delle Stagnone ca. 8 km nördlich von Marsala (Kap Boeo), dem antiken Lilybäum und ca. 10 km südlich von Trapani. Zum offenen Meer durch die längliche Isola Grande geschützt bildet sich hinter dieser eine kleine, seichte lagunenartige Bucht (Stagnone di Marsala) in der die Inseln San Pantaleo, Santa Maria und La Scuola liegen. Die Insel San Pantaleo ist nach der Isola Grande die zweitgrößte, der zu besprechende Hafen liegt an der Südwestseite der Insel westlich des Südtores des Befestigungsmauerringes, der sich rund um diesselbe erstreckt.




 


Eine geomorphologische und /oder geophysische Untersuchung der Bucht steht noch aus, somit auch die Erkenntnis über die Zugänglichkeit der Insel von See. Die Bucht besitzt heute zwei Ausgänge, je einem in Norden zwischen der nördlichen Spitze der Isola Grande (Punta di Tramontana) und der Torre di San Teodoro, sowie einen im Süden an der südlichen Spitze der Insel (Punta dello Stagnone) und der Punta di Palermo /Punta d’Alga. Sowohl die Isola Grande wie auch die Isola Santa Maria erscheinen auf topograhischen Karten des 18.Jhs. (Baron Samuel von Schmettau 1719-21) und 19.Jhs. (Officio topografico di Palermo 1810, Officio topografico di Napoli 1818, William H.Smyth 1824, Julius Schubring 1866) verschiedentlich aufgeteilt. Ebenso auf nautischen Karten (F.Arancio 1845). Erst später werden diese Inseln als von einzelnen anthropomorph eingezogenen Salinenbauten verbunden dargestellt. Der antike Schriftsteller Diodorus (XIV 50) schildert den Angriff der Syrakusaner auf Mozia, bei dem die Hafeneinfahrt von feindlichen Schiffen versperrt wurde. Die Maßnahme, welche daraufhin die Verteidiger ergriffen um der Blockade zu entkommen, nämlich die Schiffe über Land ans offene Meer zu ziehen (vermutlich über die Isola Grande), läßt vermuten, daß die Bucht in der Antike nur einen Zugang von Süden her besaß und somit wie durch eine Halbinsel geschützt war.




 


Kultureller Kontext

Älteste phönizische Kolonie auf Sizilien. Der Küstenhafen besaß eine Mittlerposition zwischen der West-Ost-Verbindung (Südspanien-Levante), sowie an der Nord-Süd-Richtung (Karthago-Sardinien). Einschneidendes Ereignis war die Zerstörung 398 v.Chr. durch Dionys von Syrakus. Danach gab es nur noch eine spärliche Bebauung.




 


Forschungsgeschichte

Das bis in die frühe Neuzeit als Saline (daher die Flurbezeichnung "salinella") genutzte Becken wurde 1906-07 schon unter der Leitung von J.Whitacker freigelegt (NSc 1915, 439f.). F elduntersuchungen mit archäologischen Fragestellungen fanden zwischen 1968 und 1971 statt (englisch-amerikanische Zusammenarbeit). Forschungsschwerpunkt waren Erkenntnisse zur Funktion, Datierung und Bauabfolge dieses Bauwerks.




 


Hafenanlagen

Vermutet werden insgesamt drei Hafenanlagen:




 


- künstliches Becken in der Nähe des Südtores der Stadtmauer (51 x 35) aus  regelmäßig behauenen Steinblöcken auf geglättetem Felsboden. Ein ebenso künstlicher Kanal verband es mit dem Meer. Ein künstlich angelegtes Hafenbecken wurden in der Antike "Kothon" genannt (Servius, Kommentar zur Aeneis I 427: "Cothona sunt portus in mari non naturales sed arte et manu facti", s. Karthago).






- ein durch Molen gesichertes Becken im Norden der Insel

- Ein weiterer Hafen wird im östlichen Bereich der Insel vermutet. Hier befindet sich eine im Gelände auffällige Senke (noch nicht untersucht).




 


Im Südwesten der Insel, innerhalb der Befestigungsanlagen liegt ein in phönikischer Tradition gemauertes Becken. Es handelt sich hier um ein schräg zur Küstenlinie liegendes, aus Blöcken gesetztes Rechteck von 51.00 x 35.50 m und ca.2.30m Tiefe u.N.N. Die Wände sind aus Blöcken gemauert, der Boden bildet das anstehende geglättete Gestein, teilweise durch Steine ausgebessert. Eine Steinkante an der Nordseite wird als Einstiegerleichterung bei Niedrigwasser interpretiert.




Basin


Mit dem Meer ist dieses Bauwerk durch einen geknickten, ca.23.50m langen Kanal verbunden. Dieser trifft die eine Breitseite des Beckens nicht mittig und verjüngt sich kurz vor dem Erreichen der Beckenwand. Die unterste Blockreihe aus Sandstein springt vor und bildet hier somit auch einen Absatz. Der Kanalboden, nicht so tief wie das Becken (ca. 1.75 m), ist mit Blöcken ausgelegt. Mittig verläuft eine vertieft angelegte Rinne mit konkavem Querschnitt (B 0.54m x T 0,13m), zu der sich die beiden flankierenden Bodenhälften hin leicht neigen. Zwei Dreieckssteine im SO und SW Winkel engen den Durchgang weiterhin ein.



0 Die gesamte Anlage scheint zwei Bauphasen aufzuweisen (s.u.). Der Kanal weist an der engsten Stelle eine konische Verjüngung auf durch zwei strebepfeilerähnliche Konstruktionen. Auch das getreppte Mauerprofil erinnert an heutige Trockendocks, dennoch konnte eine Verschlussvorrichtung des Kanals nicht nachgewiesen werden.




Channel


Der in der Karte von Julius Schubring erwähnte „alter Molo“ ist der ehemalige Straßendamm, welcher die Insel mit dem Festland verband. Im Zwickel der von der nordöstlich gelegenen Spitze am Nordtor abgehenden Straße und des nördlichen Ufers der Insel gelegenes Becken liegt ein von diversen Molen geschütztes Becken, welches als Rede oder als Hafen gedient haben mag („North gate harbour“). Nähere Angaben, Untersuchungen oder gar erhaltene Bauwerke fehlen.




Pier


Datierung

Die Interpretation der Keramikfunde aus stratigraphisch angelegten Grabungen an den Kaimauern weisen auf eine Erbauuung im späten 6.Jh. oder im frühen 5.Jh. hin (obere Schichten). Keramikfunde aus dem ca. 40cm mächtigen Schlick im ursprünglichen Kanal weisen in das späte 5.Jh. und frühe 4.Jh. (alles vor 397v, dem   width= überlieferten Datum der Zerstörung Mozias -Diodor XIV 50- ). Zu dieser Zeit scheint diese Anlage nicht mehr in Betrieb gewesen zu sein, wurde doch der Kanal durch eine Mauer in der Flucht der Beckenbegrenzungsmauer verschlossen. Diese wurde unfundamentiert auf den Schlick aufgesetzt, welcher den ehemaligen sich bis weit in das Becken erstreckenden in den Felsen gehauenen Kanal füllte. Zwei aufrecht im Bereich des mittleren Kanals eingebrachte Steinsäulen trugen vermutlich seinerzeits eine Stegkonstruktion und ermöglichten somit den Übergang hinter der Befestigungsmauer. Ebenso lassen sich in der Mauerart zwei Bauphasen erkennen. Der jüngeren von beiden entsprechen die obengenannten Arbeiten. Das Mauerwerk ist hier überwiegend im Läuferverband verlegt.
Obwohl die chronologische Abfolge der Gebäude und ihre Zusammengehörigkeit (insbesonders das Verhältnis zur Stadtmauer) fraglich ist, scheint doch, daß die Anlage ca. zweite Hälfte - Ende des 6.Jhs. angelegt wurde. In einer ersten Phase war das Becken durch einen Kanal mit dem Meer verbunden (Mauerwerk im Binderverband). In einer weiteren Phase wurde das Becken vom Kanal durch eine Mauer getrennt (Schlickfunde 2.H.5.Jh.). Der Kanal wurde in der jetzigen Form ausgebaut.




 


Zusammenfassende Würdigung

Der sogennante Kothon von Mozia war vermutlich eine Werft bzw. ein Trockendock (vgl. Thurioi -Sybaris-). Hierfür spräche der Sockel längst der Beckenwand, wo eventuell die Stützen darauf ruhten, um die Schiffe aufrecht zu halten. Jedoch weist auch die Kaiwand des Hafenbeckens in Karthago im unteren Bereich einen profilierten Sockel auf. In Zusammenhang mit den umliegenden kommerziell und handwerklich geprägten Vierteln wird dieses Bauwerk daher aber weiterhin häufig noch als Hafenbecken interpretiert (zu gemauerten, künstlichen Hafenbecken vgl. Karthago ). Wie dieses Bauwerk auch interpretiert werden mag, die beengten Maße ließen nur Schiffe mit max. Länge 19 m und max. B. von 4.50 m sowie einem geringen Tiefgang (2,30 m Tiefe insgesamt im Becken, 1,75 m im Kanal) in geringer Anzahl zu. So müßte im Falle eines Hafens von einer Umladetätigkeit auf kleinere und wendige Lastkähne auf Reede ausgegangen werden, welche den engen Durchgang durch den Kanal schneller und leichter bewältigen konnten. Eine weitere Interpretation -vorausgesetzt werden hier Vorrichtungen wie Schieberventile und dergleichen- ist die eines heiligen Sees mit rituell-religiöser Funktion. Fische und Wasser spielten in den syro-phönizischen Kulten eine besondere Rolle. Ebenso die rituelle Waschung eines Kultbildes. Nur gezielte, weitere Grabungen im näheren Umfeld dieses Bauwerkes könnten hier vermutlich eine Lösung erbringen, steht doch dieses Bauwerk bisher auch in der Urbanistik Mozias ziemlich isoliert.




 


Bibliographie

J.I.S.Whitacker, Motya. A Phoenician Colony in Siciliy (1921) - G.Schmiedt, Contributo della fotografia aerea alla ricostruzione delta topografia antica di Lilibeo, Kokalos (1963) 49-72 - P.Mingazzini, Scopo e natura del cosidetto Kothon a Mozia, Mozia IV (1968) 105-112 - B.S.J.Isserlin, Mozia (Trapani). Scavi eseguiti nel 1970, NSc 1971, 770-774 - B.S.Isserlin, The Cothon at Motya. Archaeology 27 (1974) 188-194 - M.L.Famà, Il porto di Mozia, SicA 28, 87-89 (1995) 171-179 (Kartenmaterial) - weiteres Kartenmaterial s.E.Iachello (Hrsg), L'isola a tre punte. L cartografia storica della Sicilia nella colezione La Gumina, Aust.Kat. Chiesa di S.Maria dello Spasimo, Palermo 2001 (2001) mit weiterführender Bibliografie . Plan der Insel: M.L.Famà, Gli scavi nell’abitato di Mozia 1987-1993: note bibliografiche, in: N.Allegro, Kokalos 39-40 II,2 (1993-94) 1470 Abb.1 .




Bibliography


Autor

Marcus Heinrich Hermanns


 


Back to the homepage of NAVIS II