Der Hafen von Cosa (Portus Cosanus)

Topographie
Republik Italien, Region Toskana, Provinz Groseto
nächstliegende heutige Ortschaft: Ansedonia 
Koordinaten:  ca. 42° 20’ N - 11° 05’ E




 


Kleines Vorgebirge südöstlich des Monte Argentario, ca. 46 km von Grosseto, 139 km nördlich von Rom gelegen. Höchster Punkt 113 m üNN.




 


An einer westost verlaufenden Landzunge, in deren südlichem Bereich sich eine geschützte Bucht bildet. Im Hinterland bildet sich im sumpfigen Gebiet der Maremma eine barrierenartige, küstenparallele Lagune. In dieser Gegend, in der das hydrographische Gleichgewicht immer problematisch und Versumpfung eine dauernde Gefahr war, brachte die römische Landaufteilung auch eine Lösung des Drainageproblems mit sich: die ganze Küstenebene wurde mit einem dichten Netz rechtwinkliger zueinander verlaufender Kanäle überzogen. Es bildete sich somit ein komplexes System einer Lagune für Fischzucht, Be- und Entwässungsanlagen sowie ein geschützter Ankerplatz.




Sea Harbour


Kultureller Kontext

Die Stadt Cosa lag in einer in der antike reichsten Regionen Italiens auf einen Hügel über dem Meer gelegen. Am Fuß der 273 v.Chr. nach dem Sieg über Vulci und Volsinii gegründeten latinischen Kolonie (Plinius NH III 51) wurde der Portus Cosanus, der Hafen, gebaut und das ganze Hinterland wurde mit weitausholenden Infrastruktureinrichtungen versehen (Villa delle Colonne, Villa Settefinestre). Im Verlauf von etwa hundert Jahren wurde die hinter dem Hafen liegende Binnenlagune (heutiger Rest: Buraner See unterhalb von Capalbio) durch eine tiefe Felsenkluft im Vorgebirge von Ansedonia, den „Spacco della Regina“ mit dem Meer verbunden und entwässert, wobei zugleich bestimmte Strömungen erzeugt wurden, die das Hafenbecken spülten und dafür sorgten, dass es nicht versandete. Der Hafen erreichte den Höhepunkt seiner Entwicklung im 1. Jh.v.Chr., als die Molen aus der früheren Periode verlängert und ausgebaut wurden und die Kluft, die möglicherweise durch Geröll /Erdmaßen versperrt war, durch einen künstlichen Einschnitt, der sog. „tagliatta“ ersetzt wurde. In der Lagune wurde Fischzucht betrieben und zu diesem Zweck war die „tagliatta“ mit Schotten versehen. Vielleicht hatte die Stadt noch einen zweiten Hafen auf der anderen Seite des Vorgebirges, am Ausgangspunkt des Tombolo di Feniglia. Ein Portus Fenilie ist in spätantiken und mittelalterlichen Urkunden   dokumentiert und könnte auch schon in spätrepublikanischer Zeit bestanden haben, wie die Anhäufungen von Amphoren, die man in der Flur Pineta gefunden hat, vermuten lassen. Reste einer Fischkonservierungsanlage sowie einer Villa maritima runden den Gesamtblick ab. Die Entwicklung vom Stadthafen zu einem werkseigenen Hafen eines an einer Villa angeschlossenen Fischverarbeitungsbetriebes mit Amphorenproduktion ist eine einzigartige Kombination (Fabrik der Sestii). Hier werden nur die zum Hafen gehörigen Bauten besprochen.




 


Innerhalb des Hafenbeckens wurde ein ca. 13.50 m langes und 3.40 m breites Rumpffragment eines Schiffes gefunden. Die rekonstruierte Länge beträgt ca.15 m.  Erhalten ist der Kiel und 29 Spanten mit Beplankung. Das Schiff stammt aus dem spätem 16.Jh.; seine Ladung bestand aus Eisenerz.


Der Hafen lag an der Küstenroute nach Gallien und Spanien, als Sprungbrett nach Sardinien und Korsica. Zusammen mit Portus Herculis (heute Port San Ercole) eine der wenigen natürlich geschützten Ankermöglichkeiten von Portus Lunae (La Spezia) im Norden und Portus Caietae (Gaeta) im Süden, sieht man einmal von der Tibermündung ab. Zudem lag die Stadt an der später angelegten Via Aurelia antica.




 


Handelshafen, Etappenhafen und "Industriehafen": Fischfang und Fischzucht, Fischverabeitung, Fischverpackung und Verschiffung innerhalb eines Großbetriebes.




Function Commercial


Forschungsgeschichte

Das Stadtgebiet war seit 1948 eine amerikanische Grabung unter der Leitung der American Academy in Rome. Erste Untersuchungen zum Hafenareal 1965. Weitere Kampagnen zu Lande und zu Wasser 1968, 1969 und 1972. Untersuchungen zur Lagunenentwicklung durch die Fondazione Lerici (Rom) 1970, 1971, 1972. Diverse Nachuntersuchungen in den 90er Jahren.




 


Hafenanlagen

Die direkt zur Hafenanlage gehörig anzusehenen Strukturen bestehen aus diversen Molenwerken, darunter eine breite, heute gänzlich überspülte Aufschüttung, mehrere Blöcke im Wasser, welche in knieartigen Bogen von der Spitze der Aufschüttung die Bucht abschließen sowie fünf schräg-parallel zur Küste liegende massive Blöcke in römischem Betongußmauerwerk.




 


Die Molenwerke

(keyword breakwater)älteste Anlage zum Schutz der Bucht vor dem durch südsüdwest-Winden bedingten Wellengang ist eine vom Steilhang des Vorgebirges in östlicher Richtung verlaufende, ca. 110 m lange Aufschüttung aus lokalen Bruchsteinen ("breakwater")  An ihrer mächtigsten Stelle betrifft ihre Breite bis ca. 70 m.




Breakwater


Caissons

Sechs Blöcke aus römischen Gußbeton (A-F) verlängern diese in einem Bogen nach Osten und schließen die Bucht somit gänzlich ab. Das so umschlossene Areal beträgt ca. 25.000 qm. Eine Verbindung zwischen den Pfeilern und der breiten Mole konnten nicht gefunden werden. Zwischen den Blöcken D und F befand sich die Hafeneinfahrt in einer Breite von 33 m und einer jetzigen Tiefe von 6  m. Die Bearbeiter bleiben jedoch die Erklärung schuldig, wie ein so gestaltetes offenes Bauwerk auch gänzlichen sicheren Schutz vor den vorherrschenden nordwestlichen Strömungen bieten kann.
Die Ursache, daß diese mächtige Aufschüttung heute unter NN liegt führen die Bearbeiter auf die Tatsache zurück, das diese ehemals eine Sandschüttung abdeckte, welche durch den Wellengang im Laufe der Zeit erodierte und die Steine zum absacken brachte.




Caissons


Ein weiteres Molenwerk bilden die fünf  Blöcke ("Pier 1-5") sowie eine in deren Verlängerung verlaufende Mauer an Land ("wall M") aus römischen Gußmauerwerk, welches einst ein kleines Areal von ca. 30 qm im Westen der Bucht am Fuße des Steilhanges abtrennte. Diese Blöcke, welche eine Reihe über ca. 150 m bilden, waren in der von Vitruv V, 12 beschriebenen Bauart mittels der unter Wasser abbindenden Pozzuolanerde errichtet (Vitruv II, 6,1). Die Freiräume zwischen den Blöcken waren unregelmäßig. Vergleiche lassen sich in vielen römischen Hafenanlagen feststellen.




Caissons


Während der untere massive Teil dieser Blöcke mit Pozzuolan-Erde und Füllmaterial (Tuffbrocken) errichtet war, so wies der oberhalb der Wasserlinie befindliche Teil aus Materialersparnis nur normalen Mörtel mit Füllmaterial auf. Solch eine Materialwahl zwischen dem Bauteil unter und ober der Wasserlinie findet man z.B. auch am neronischen Hafenbau in Anzio und ist mit der Tatsache zu erklären, daß diese besondere Puzzolanerde aus dem Gebiet um Puteoli importiert werden mußte.


Um zwei dieser Blöcke wurden Sondagen bis zu einer Tiefe von -2.50 m durchgeführt ohne die Fundamente zu erreichen. An Pier 1 konnten noch die Verschalungsabdrücke von 6 Bohlen festgestellt werden. Ebenso solche Holzabdrücke der Verschalung lassen sich häufig finden: Anzio, Fiumicino (Portus), Pyrgi, Side, Caesarea,...




Caissons


Die Bauart in Pilae-Konstruktion, d.h. vereinzelte Blöcke mit Freiräumen zwischen denselben,  findet sich häufig an Molenwerken in stillen, geschützten Buchten. Bekanntestes Beispiel ist Puteoli im Golf von Baiae. Wird allgemein behauptet die Mole sei durch Kanäle unterbrochen um eine Versandung zu vermeiden, so konnten bei Nachuntersuchungen in Cosa ein bisher nicht erwähntes Detail den Nachweis erbringen, daß diese Freiräume mit anderem Material gefüllt wurden.  In der Außenwandung von Pier 1 fanden sich Amphoren in der Wand eingelassen, die als Halteloch für Stangen zur Schließung der Freiräume gedient haben mögen (Felici 1998).




Caissons


Mole

Der Mole in Pilae-Konstruktion wird eine vielseitige Funktion zugesprochen. Sie diente zur Zeit des Fischereibetriebes in den letzten drei Vierteln des 1.Jhs. v.Chr. als Abtrennung des Verbindungssieles zur Fischlagune in Hinterland des Hafens. Gleichzeitig konnte man an diesem Schiffe vertäuen. Direkte Spuren wie Lochsteine oder dergleichen fanden sich jedoch nicht. Das kleine abgetrennte Areal möchten die Bearbeiter als kleinen Privathafen der Familie der Sestier sehen.




Pier


Leuchtturm

Auf der Spitze der Aufschüttung wird von den Bearbeitern ein Leuchturm rekonstruiert, deren rechteckiger Unterbau Pier 5 ist. Archäologisch zwar nicht nachgewiesen, wird ein Tonmodell aus Vulci als Rekonstruktionshilfe herangezogen. Ebenso wird die Möglichkeit, daß ein Amphorenstempel der Sestier dieses Bauwerk abbilden könnte in Erwägung gezogen. Es handelt sich dabei um einen einfachen schmalen, eingeschossigen Turm auf dessen Plattform das Feuer entfacht werden konnte.




Lighthouse


Datierung der Hafenanlagen

Der Hafen wurde seit der Koloniegründung 273 v.Chr. verwendet und war bis Mitte 3.Jhs.n.Chr. in Verwendung (villa maritima). Die kleinzonenartig durchgeführten Caisson-Sondagen unterwasser (trenches C1-3, D 2-3) konnten die stratigraphische Abfolge anhand vom archäologischem Material einengen. Eine Benutzung in etruskischer Zeit läßt sich anhand des archäologischen Materials nicht feststellen. Der ursprüngliche Hafenboden konnte in einer Tiefe von 1.00-2.10 m Tiefe unter der heutigen Sedimentoberfläche oder 5.10-6.20 unter der heutigen Wasserkante festgestellt werden. Dies entspräche ca. 4.10-5.20 unter dem geschätzten antiken Meeresniveau. Der antike Untergrund stellte sich als brackische Sandschicht mit römischen Scherben und Kleinschotter vermischt dar.
Neben Tuff aus dem Gebiet des Lago Bolsena sowie Puzzolanerde aus dem Gebiet von Puteoli wurde als drittes Baumaterial Amphorenfragmente verwendet. Die im Pier 1 vermauerten  Fragmente geben einen terminus post quem für das Ende des 2.Jhs.v.Chr. Die Bearbeiter gehen davon aus, daß der oben erwähnte Unterschied in den Baumaterialien zwischen dem unteren und dem oberen Bereich auf verschiedene Bauphasen zurückzuführen sei. Es wären somit drei Phasen in der Entwicklung des Hafens festzustellen:
- Molenaufschüttung und deren Verlängerung durch Blöcke (3.-Anfang 2.Jhs.v.Chr)
- Betonblöcke, zweiphasig  (4.Viertel 2.Jh.-Ende 1.Jh.v.Chr)




 


Zusammenfassende Würdigung

Handelsaktivitäten sind im Hafen von Cosa seit dem 3.Jh.v.Chr. anhand von Funden greco-italischer Amphoren nachweisbar. Zahlreich bekannt sind die in römischer Zeit errichteten Hafenschutzanlagen in Betonmauerwerk, insbesonders entlang der Küste des Tyrrhenischen Meeres, sind doch hier die geschützten natürlichen Buchten eine Seltenheit (z.B.Golf von Baia). Die von Vitruv (V 12) geschilderte Mauertechnik des Betongußwerkes wurde häufig für den Bau von Molen und Wellenbrechern verwendet. Hauptbestandteil war die Pozzuolanerde, einem Baumaterial, ähnlich dem heutigem Portland-Zement, dessen besondere Eigenschaft ist selbst unter Wasser abzubinden. Die bekanntesten Molenbauwerke sind: Centumcellae-Civitavecchia, Antium-Anzio, Anxur-Terracina, .... Von all diesen Anlagen ist Cosa vermutlich das älteste bisher angenommene römische Molenwerk. Die Datierung in Cosa beruht auf im Beton verarbeitete gestempelte Amphorenfragmente, welche den Stempel SES(tius) aufweisen (terminus post quem: Ende 2.Jh.v.Chr.). Der früheste Großbau an Land in der "opus caementitium" genannten Bautechnik wäre in Rom am Tiberhafen (Marmorata) gelegene Porticus Aemilia, erbaut 193 v.Chr.


Die Reste von hauptsächlich in den Felsen gehauenen Kanalsielen sowie die Frischwasserbecken dienten vermutlich weniger zur Verproviantierung, sondern sind vielmehr in Verbindung mit dem Industrieviertel zu sehen. Neben der Fischzucht in der Binnenlagune ist sowohl die Fischverarbeitung wie auch die Verschiffung des Endproduktes belegt. Amphorenherstellung und Speicherbauten runden das Bild einer Fischverarbeitungsfabrik ab. Neben der Fischzucht ist auch der (Thunfisch-)Fischfang literarisch überliefert. Strabo (V 2,8) berichtet über einen auf dem Vorgebirge gelegenen Ausguck. Vergleiche aus römischer Zeit solcher Fischverarbeitungbetriebe sind aus Südspanien und Nordafrika bekannt. Solche Anlagen waren bis in die Mitte des 20.Jhs. auf Sizilien in Funktion ("tonnare"). Höhepunkt des Fischereibetriebes war die Zeit des letzten Viertels des 2. bis Ende des 1.Jhs. v.Chr. In diesem Zusammenhang sei auf den Wrackfund von Grande Congloue an der südfranzösischen Küste hingewiesen (110-80 v.Chr,), deren Hauptladung aus Amphoren der Sestier bestand. Amphoren dieses Typs fanden sich bis ins Rheinland.




 


Bibliografie

A.M.McCann, u.a., The Roman Port and Fishery of Cosa. A Center of Ancient Trade (1987), rezensiert:  E.G.Rickman, AJA 92 (1988) 301-302 - E.Felici, G.Baldieri, Il porto romano di Cosa: note per l’interpretazione di un’opera marittima in cementizio, Asubacq II (1997) 11-19 - zusammenfassend zur Topographie und Umgebung: M.Celuzza (Hrsg.), Führer durch die antike Maremma (1997) 262-272, zum Hafen und zur Fischverarbeitung s. 272f. - E.Felici, La ricerca sui porti romani in cementizio: metodi e obiettivi, in: G.Volpe (Hrsg.), Archeologia subacquea. Come opera l'archeologo. Storie dalle acque.VIII Ciclo di Lezioni sulla Ricerca applicata in Archeologia, Certosa di Pontignano (Siena)1996 (Florenz 1998) 275-340 




Bibliography


Autor

Marcus Heinrich Hermanns


 


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