Die Hafenanlagen von Karthago

Topographie

Republik Tunesien
heutiger Ort: Tunis, Stadtteil Byrsa
Koordinaten: ca. 36° 55’ N - 10° 10’ E




 


Halbinsel nordöstlich des heutigen Tunis; ehemals schmale Halbinsel an der Binnenlagune. Zwischenzeitlich hat ein starker Verlandungsprozeß zu einschneidenden Veränderungen der topographischen Verhältnisse geführt, insbesondere im nördlichen Teil der ehemaligen Halbinsel. Drang einst das Meer zwischen dem Kap Sidi Ali el-Mekki und dem Kap Gamarth, (der nördlichen Spitze der karthagischen Halbinsel) tief in das Land hinein, so zieht sich heute die Küste in einer nur leicht nach innen gekrümmten Linie zwischen den beiden Vorgebirgen hin. Der Wasserstand mag, anhand von archäologichen Beobachtungen (Hurst 1979) ungefähr gleich dem heutigen gewesen sein. Polybios beschreibt uns die Lage wie folgt (I 73): Karthago liegt an einem Meerbusen, in den es sich in Gestalt einer Halbinsel vorstreckt, so daß es fast überall von Wasser, auf der einen Seite von der See, auf der anderen von einer Lagune, umschlossen ist. Die Landenge, die es mit Libyen verbindet, ist etwa fünfundzwanzig Stadien breit. Nach der Seeseite hin liegt nicht weit entfernt die Stadt Ityke (Utica), auf der anderen Seite an der Lagune Tynes (Tunis)." Die Hafenanlagen sind heute noch sichtbar als Lagunenweiher (ringförmige Lagune von Douar-Chott).




Sea Harbour


Forschungsgeschichte

Zwar haben schon 1908-13 Grabungen im Gebiet der Häfen stattgefunden, so waren es aber hauptsächlich die Grabungen im Rahmen der internationalen UNESCO-Rettungsaktion seit 1973, welche im Vorfeld der sich ständig ausbreitenden Villengebiete am Stadrand des modernen Tunis an den Lagunen durchgeführt wurden, welche größtenteils zur Erforschung der Hafenanlagen beigetragen haben. Die Grabungen des runden Hafens standen unter englischer Leitung, die des rechteckigen Hafens unter amerikanischer Leitung.




 


Hafenanlagen

Von der im Zuge der städtebaulichen Maßnahmen zur Neustadt errichteten imposanten Hafenanlage, welche uns Appian schildert, sind aus grabungstechnischen Gründen nur kleine Ausschnitte bekannt. So wurde nur auf der Insel sowie nördlich derselben gegraben, ebenso westlich des Tophet am rechteckigen Hafen (Handelshafen). Die stratigraphische Abfolge auf der Insel ergibt eine Abfolge von sechs Kulturperioden, von ca. 400 bis zur byzantinischen Epoche am Ende des siebten nachchristlichen Jahrhunderts (s. Übersichtstabelle aus Hurts 1979).
Erst im archäologisch nachweisbaren Höhepunkt der Stadtentwicklung, welche den politischen Ereignissen zu widersprechen scheint, nämlich in den 50 Jahren, welche der schweren Niederlage des zweiten punischen Krieges 202 v.Chr folgten, erfolgte der Ausbau der Häfen in ihrer von Appian (einer Textstelle von Polybios zitierend) uns überlieferten monumetalen Weise: Kriegs-, Werft- und Handelshäfen. Hafenanlagen vor dem 4.Jh. sind gänzlich unbekannt. Zur genauen Lage der Hafenanlagen früherer Zeit liegen bisher nur Vermutungen vor. Vermutlich lag der archaische Hafen Karthagos in der Bucht du Kram südlich des heutigen Lagunengebietes, im jenem Gebiet wo in späterer Zeit die Hafeneinfahrt vermutet wird ("Quadrilatere du Falbe").


Der Hafen bis um die Mitte des 4.Jhs.v.Chr.
(keyword channel) Im Bereich der späteren Häfen fanden sich Spuren eines mindestens 350 m langen, 2 m tiefen von Menschenhand geschaffenen 15-20 m breiten Kanals (F 469).  Er schneidet mittig die spätere "Admiralitäts-Insel" und verläuft schräg zwischen dem späteren rechteckigen Hafen und dem Tophet vorbei südwestlich wo er auch in den amerikanischen Grabungen erfaßt wurde. Er diente als breiter Drainagekanal vermutlich zur Sanierung des sumpfigen Lagunengeländes und stand (anhand von Muschelresten nachweisbar) mit dem offenen Meer in Verbindung. Aus diesem Grunde und wegen seiner Breite diente er vermutlich auch gleichzeitig als Kanalhafen. Er wurde im Laufe des 4.Jhs. zugefüllt, wobei das Datum seiner Aushebung nicht genau festgelegt werden kann. Er mag aber, wie anhand der Stratigraphie der Sedimente erkennbar, nicht lange in Benutzung gewesen sein. Zeitgleich zu dieser Anlage mögen die im Gebiet der "Admiralitäts-Insel" festgestellten länglichen Holzstrukturen (Hellinge ?) im Bereich der späteren Schiffshäuser sowie die im westlichen Gebiet ergrabenen Handwerkerbetriebe gehören (Metallverarbeitung, Töpfereibetriebe).

Die punischen Häfen Ende des 3.- Anfang des 2. Jhs.v.Chr.
(keyword basin) Die Hafenanlagen dieser Zeit sind nur spurenhaft erhalten. Es sind dies die Anlagen aus der Endzeit des punischen Karthagos, wie sie uns Appian auf eine Quelle zur Zeit der römischen Eroberung 146 v.Chr. zurückgehend beschreibt (Appian VIII 96). Der kreisrunde Militärhafen und der mit ihm in Verbindung stehende rechteckige Handelshafen, wurden  unter erheblichem Aufwand gebaut. Große Erdreichmassen mußten hierzu ausgehoben und aufgeschüttet werden. So umschließt allein der Handelshafen ein Gebiet von ca. 123.000 Kubikmeter Erde (ca. 150 x 400 m, T. 2.00 m), während der Kriegshafen mit geschätzten 115.000 Kubikmeter etwas kleiner war. Allein ca. 10.000 Kubikmeter mußten aufgechüttet werden, um auf der Insel die nötige schräg-konische Oberfläche zu gestalten für die Hellinge. Hinzu kämen die weiteren Schiffshäuser rund um den Rundkanal, welche die Insel umgibt.




 


Der Handelshafen war mit dem Meer durch eine 70 Fuß breite Zufahrt verbunden. Da der Kriegshafen als militärisches Sperrgebiet durch eine zweifache Mauer geschützt war (Oros, hist IV 22,6) konnte man vom Handelshafen durch bestimmte Tore direkt in die Stadt gelangen. Während die Anlage des Handelshafens mit als "limen" bezeichnet wurde, so trug der Rundhafen den Namen Kothon (Strabo XVII, 3.14, vgl. die Schilderung der Stadterstürmung durch die Römer bei Appian, VIII, 123-124, 127). Grabungen erbrachten Erkenntnisse zu der Kaianlage des rechteckigen Handelshafen und zur sog. "Admiralitäts-Insel" des Kriegshafens. Eine zeitliche Abfolge innerhalb des Hafensbaus erscheint möglich, wobei der Handelshafen etwas älter wäre.




Function Commercial


Pier

Östlich von der Einfahrt in den Handelshafen wurde eine Mole, der ,,Quadrilatere de Falbe", errichtet, die die in den Kothon einfahrenden Schiffe vor unangenehmen Winden schützen sollte. Teile dieser Mole, die ursprünglich aus dem Wasser herausragten, liegen heute unter Wasser. Die Angaben zur Meeresniveauhebung gegenüber dem antiken Meeresniveau sind wiedersprüchlich: 0.50 m  (Hurst 1979), 1.00 m (Hurst-Stager 1978), 1.25 m-1.50 m (Yorke-Little 1975).




Pier


Der Kriegshafen bestand aus einer mittig gelegenen kreisrunden Insel umgeben von einem ringförmigen Wasserkanal an dem nach außen radial angelegte Schiffshäuser stießen (keyword shipsheds), welche sich zum Kanal hin öffneten. Der rekonstruierte Zustand der im Durchmesser ca. 120 m aufweisende Insel zeigt einen Grundriß mit je 15 leicht radial angeordneten Schiffshäuser pro Seite und einem länglich-sechseckigen Innenhof im Zentrum. An der Südseite desselben wird, im Übereinstimmung mit der Überlieferung Appians, ein Ausguck vermutet, welcher laternenartig das Dach überragte. Insgesamt war das Gebäude zweigeschossig angelegt, wobei die obere Etage als Stauraum diente (auch dies wieder in Übereinstimmung mit Appian). Die Dachabdeckung in Terrazzo (Stücke von opus signinum ca. 20 cm mächtig in der Zerstörungsschicht gefunden) läßt ein dreifach getrepptes Flachdach vermuten, beiderseits offen zur Belichtung und Belüftung. Von der architektonischen Baugliederung des Innenhofes haben sich geringe Reste gefunden.
Die Erd-Holz-Rampen der Hellingen erreichen eine Höhe von ca. 2-3 m über dem Niveau des Innenhofes. Von den Querhölzern wurden nur wenige gefunden. Häufiger sind jedoch die Funde von Kupfernägeln und Zwingen wie sie im Schiffbau Verwendung fanden. Für die rekonstruierte Höhe der Schiffshäuser wird die Heckhöhe einer römischen Trireme zugrundelegend ca. 7 m angenommen. Der angenommene Winkel der Helling beträgt 6 Grad im vorderen Bereich, im Heckbereich 10 Grad. Die durchbrochenen Tragewände standen in einer Entfernung von jeweils ca.6 m  voneinander.
Für das Errichtungsdatum der Schiffshäuser bieten die Funde von  Münzen, Amphorenfragmenten (Dressel I A, Dressel 18) und Feinkeramik (campana A) in den Arbeitsschichten einen terminus post quem nach dem zweiten Punischen Krieg um 200 v.Chr. (Hurst 1979), das Fundmaterial aus den Fundamentgräben war dagegen nicht aussagekräftig. Der Zerstörungshorizont mit eindeutigen Brandspuren wird mit der Zerstörung Karthagos durch die Römer von 146 v.Chr.in Verbindung gesetzt.




Function Military


Kai

Kaimauern sind im nördlichen und süd-östlichen Bereich der Insel ergraben worden. Sie bestehen aus Quadermauerwerk und ähneln den Kaimauern der Westseite des rechteckigen Hafens, wo die Kaiwand auf einer Strecke von ca. 50 m bekannt ist. Sie bestehen aus einem profilierten Sockel in vier Steinlagen. Die darüber befindlichen häufig in Bindertechnik verlegten Steinlagen gehören der römischen/ byzantinischen Umbauphase an. Dies sind die einzigen Hinweise auf Verlandungsprozesse oder auf Meeresspiegelschwankungen. Die maximale Tiefe dieses künstlich angelegten Hafenbeckens beträgt 1.50-2.00 m (vgl. den sog. Kothon auf Mozia ). Unter dem Meeresspiegel sind die Quadern mit hydraulischem Mörtel verlegt (vgl. Vitruv V, XII).




Quay


Verwaltungsgebäude

Für die augusteische Zeit ist der Wiederaufbau der Insel mit anderer Funktion belegt. So Tempelanlage mit rundum verlaufender Portikusanlage. Diese Anlagen erhielten diverse Zu-, Um- sowie Ausbauten, insbesonders in severischer und justinianischer Zeit. In zuletzt genannter Zeit, ca. um 200 n.Chr, fällt der literarisch überlieferte Wiederaufbau der Kolonnade der "agora maritima" (Prokop, peri ktismaton VI 5). Eine Hafenfunktion kann zwar nicht nachgewiesen aber auch nicht ausgeschlossen werden, ist doch das Gebiet der Insel weiterhin von Wasser umgeben. Es wird in der Forschung mit der 186 n.Chr. gegründeten Annonna-Flotte  in Verbindung gebracht, welche von Kaiser Commodus (Classis Commodiana) zur Kornversogung der Stadt Rom eingesetzt wurde.




Administration building


Getrennter Militär- und Handelshafen (ca. 14 Ha). Künstlicher Hafen (Kothon) aus der Frühzeit Karthagos, davon äußerer Teil (500x300m) als Handelshafen, innerer runder Teil ( Durchmesser ca. 300m) als Kriegshafen für ca.186 Kriegsschiffe (literarisch überliefert wird die Aufnahmekapazität von 220 Schiffen).




Function Commercial / Military


Bibliographie

K.Lehmann-Hartleben, Die antiken Hafenanlagen des Mittelmeeres (1923) 258 f. Kat.Nr.126 sv. Karthago - zum UNESCO-Programm: F.Rakob, Die internationalen Ausgrabungen in Karthago 1985, in: Karthago. Wege der Forschung 654 (1992) 46-75 .  Zusammenfassend zu den Häfen:   S.Lancel, Carthage (1992), zum Hafen s. 192-211 mit älterer Bibliographie - K.Lehmann-Hartleben, Die antiken Hafenanlagen des Mittelmeeres (1923) 258f. Katnr. 126 - R.A.Yorke, Les ports engloutis de Tripolitaine et de Tunisie, Archeologia 17 (1967) 18-24 - R.A.Yorke u.a., Offshore survey of the harbours of Carthage, IJNA 5.2 (1976) - H.Hurts, Excavations at Carthago 1975, AntJ 56 (1976) 177-197 - H.Hurts, Excavations at Carthage 1976, AntJ 57 (1977) 232-261 - H.Hurst-L.E.Stager, A metropolitan landscape: the Late Punic port f Carthage, World Archaeology 9,3 (1978) 334-346 - H.Hurst, Excavations at Carthage 1977-78, AntJ 59 (1979) 19-49 - R.A.Yorke, J.H.Little, Ofshore Survey at Carthage (Tunisia), IJNA 4 (1975) 94-98 - zu den Keramikfunden: H.R.Hurst, Excavations at Carthage: The British Mission II 1. The circular harbour, north side: the site and finds other than pottery (1995) - H.R.Hurst, Excavations at Carthage: The British Mission II 2. The circular harbour, north side: the pottery (1995) - zu den Bautechniken: R.A.Yorke-D.P.Davidson, Survey of building techniques at the Roman Harbours of Carthage and some North African Ports, in: A.Raban (Hrsg.), Kongressband I

International Workshop on Ancient Mediterranean Harbours, Haifa 983, BAR 257 (1985) 157-164.




Bibliography


Autor

Marcus Heinrich Hermanns


 


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