Die Flotten und die römische Grenzpolitik



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Durch die Schlacht bei Actium 31 v.Chr. wird zum letzten Mal das Schicksal des römischen Reiches durch eine Seeschlacht entscheidend beeinflußt. Danach beherrscht Rom das Meer, Gegner mit großen eigenen Flotten gibt es nicht mehr. Dennoch wurde die römische Kriegsmarine nicht abgeschafft, sondern im Gegenteil noch ausgebaut. Das zeigt deutlich, daß die Flotten in der römischen Reichspolitik eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben und man muß sich fragen, welche Aufgaben die Flotten dabei übernahmen.

Die Rolle der Flotten bei Feldzügen.

Die besten literarischen Zeugnisse finden sich bei Cassius Dio, Velleius Paterculus und Tacitus, die die vier römischen Flottenexpeditionen entlang der Nordseeküste überliefern. Sie fanden im Zusammenhang mit dem Versuch der Römer statt, Germanien bis zur Elbe zu erobern. 12 v.Chr. wagten die Römer unter dem Feldherrn Drusus den ersten Versuch; unter Tiberius folgte 5 n.Chr. die zweite Expedition. Die letzten beiden Fahrten unternahm Germanicus 15 und 16 n.Chr. Beide endeten in Katastrophen, da Sturmfluten die Schiffe zerstörten. Der Grund für alle vier Unternehmnungen war stets derselbe: Ein Teil des Okkupationsheeres wurde zu Schiff so nah wie möglich an den Kriegsschauplatz gebracht. Zusammen mit den Soldaten wurden auch Ausrüstung und Proviant auf die für diesen Zweck neu gebauten Schiffe verladen. Tacitus (Annalen II,6) beschreibt dabei die Schiffe des Germanicus: Sie hatten breite Rümpfe, aber ein schmales Heck und einen schmalen Bug. Der Kiel war flach, damit die Schiffe auch bei Niedrigwasser nicht aufliefen. Alle konnten gesegelt und gerudert werden. Einige besaßen ein Verdeck, um die Ladung vor Wind und Wetter zu schützen. Eine Reihe dieser Merkmale hält sich bis ins 4. Jh. n.Chr., wie die fünf römischen Militärschiffe aus Mainz (Mainz 1, 2, 3, 4, 5) gezeigt haben.

Auch in späterer Zeit werden Truppen und ihre Ausrüstung per Schiff zum Einsatzort transportiert. Ein eindrucksvolles Zeugnis dafür ist die 40 m hohe Trajanssäule in Rom. Die gesamte Außenseite ist durch ein fortlaufendes Reliefband verziert, auf dem der Ablauf des 1. und 2. Dakerkrieges (101/102 bzw. 105/106 n.Chr.) dargestellt ist. Die Szenen XXXIII-XXXV zeigen den Abmarsch des Kaisers mit seinen Truppen aus dem Winterlager und seine Fahrt zum Kriegsschauplatz im Jahr 102 n.Chr.. Deutlich lassen sich dabei verschiedene Schiffstypen unterscheiden. Da sind zunächst einmal die kleinen Transportschiffe. Sie haben hohe Bordwände und wohl einen breiten Bug, der Stauraum für die zusammengefalteten Zelte bietet. Gesteuert werden sie durch zwei seitliche Heckruder. Besonders gut erkennt man dies bei dem Schiff, das während der Fahrt auf der Donau dargestellt ist. Der Steuermann saß erhöht, um über die Köpfe der Ruderer hinweg gucken zu können. Diese Schiffe hatten nur jeweils eine Reihe Ruderer auf jeder Seite; die Antriebsruder lagen auf der Bordkante auf. Der Pferdetransporter weist dagegen andere Merkmale auf. Um Platz für die Tiere zu gewinnen, gibt es hier keine Hecksteuerung. Die Lenkung übernimmt die aus nur wenigen Leuten bestehende Rudermannschaft. Auffällig ist bei diesem Fahrzeug der im Gegensatz zu den anderen Transportschiffen schräg verlaufende Schiffsboden vorn. Der Nutzen solcher schräger Schiffsenden bestand darin, daß die Schiffe auf ein flaches Ufer fahren konnnten. Dadurch ließen sie sich von vorn beladen, was natürlich von Vorteil war, wenn man Tiere auf ein Schiff bringen mußte.

Ganz extrem sind solche flachen Schiffsenden bei den Schiffen vom Typ Zwammerdam ausgeprägt. Diese Schiffe sind nördlich der Alpen häufig belegt und konnten bis zu 40 m lang sein, wie die Schiffe Zwammerdam 4 und Mainz 6 belegen. Um solch lange Schiffe auf einem Fluß navigieren zu können, brauchte man eine große Mannschaft. Nur das Militär konnte in römischer Zeit entsprechend viel Personal stellen, so daß es sich bei den meisten Schiffen vom Typ Zwammerdam wohl um Militärfahrzeuge handelt Die enge Verbindung zum Militär scheinen auch die Fundplätze zu bestätigen: In der Mehrzahl waren es Kastelle oder Städte, in deren unmittelbarer Umgebung römisches Militär stationiert war.

Gibt dies schon einen ersten Hinweis darauf, daß die Schiffe, die auf der Trajanssäule dargestellt sind, keine requirierten Zivilfahrzeuge waren, findet man den endgültigen Beweis bei den Schiffen, mit dem der Kaiser und sein Stab fährt. Sie besitzen zum einen den für Kriegsschiffe typischen zurückschwingenden Bug. Zum anderen befinden sich auf jeder Seite zwei Reihen Ruderer. Der Ansatz der Ruder zeigt an, daß diese Schiffe einen Ausleger hatten, so daß die beiden Ruderreihen in unterschiedlichen Winkeln ins Wasser tauchten und sich nicht gegenseitig behinderten.


Dabei führten die außen sitzenden Ruderer ihre Riemen durch die Reling auf dem Ausleger, die Ruder der innen sitzenden Ruderer lagen auf der Bordwand unterhalb des Auslegers auf. Diese zweireihigen Kriegschiffe wurden Liburnae genannt und stellen die typischen Schiffe von Provinzflotten dar.

Die Szenen auf der Trajanssäule verraten also, daß an den Dakerkriegen auch Flotten beteiligt waren. Dank der Inschrift des C. Manlius Felix darf mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß es sich dabei um zwei Flotten gehandelt hat, nämlich die Pannonische und Germanische. In der Inschrift wird Manlius Felix als "Praefectus classium Pannonicae et Germanicae" (Admiral der Pannonischen und Germanischen Flotten) bezeichnet, so daß man annehmen darf, daß er beide gleichzeitig kommandiert hat. Das Zusammenziehen weit entfernt stationierter Flotten bei Feldzügen war auch in späterer Zeit üblich. Die Inschrift des Valerius Maximianus erwähnt seine spezielle Aufgabe während der Markommannenkriege des Kaisers Marc Aurel (168-175 n.Chr.). Er mußte den Lebensmittelnachschub für die beiden Pannonischen Heere sicherstellen. Zu diesem Zweck unterstanden ihm Abteilungen der Misenischen, Ravennatischen und Britannischen Flotte. Es fällt auf, daß die Pannonische Flotte, also die reguläre Provinzflotte im Kriegsgebiet, an dieser Aufgabe nicht beteiligt war. Anscheinend war sie für andere Einsätze vorgesehen. Dies könnte der Transport von Mannschaften und Ausrüstung gewesen sein, daneben aber auch die Überwachung der Donau. Denn das Heer selbst befand sich ja im Krieg, d.h., die Donau als Reichsgrenze wäre ohne Flotte feindlichen Übergriffen ungeschützt preisgegeben.


Die Überwachung von Flußgrenzen

In einer Reihe römischer Provinzen bildet ein Fluß die Reichsgrenze. Dies gilt in Europa für die Provinzen an Rhein und Donau. Hier kennt man drei Provinzflotten: die classis Germanica, die classis Pannonica und die classis Moesica. Obwohl man nach ihren Namen annehmen könnte, daß sich ihr Operationsgebiet jeweils auf beide Provinzen mit dem jeweiligen Namen erstreckte, war dies nicht der Fall. So ist für die classis Pannonica und die classis Moesica die Zugehörigkeit zum Heer von Pannonia inferior bzw. Moesia inferior durch sog. Militärdiplome eindeutig belegt.

Für Germania inferior läßt es sich aus der Verteilung von Inschriften und Ziegeln ablesen. Sie beschränken sich auf Niedergermanien. Die einzige Ausnahme stellt das Brohltal dar. Es lag in Obergermanien, doch wurden die dortigen Steinbrüche ausschließlich vom niedergermanischen heer ausgebeutet. Bestätigt wurde die Zugehörigkeit der classis Germanica zum niedergermanischen Heer in jüngster Zeit durch ein Militärdiplom aus trajanischer Zeit. Es wurde in den Niederlanden gefunden und nennt neben den niedergermanischen Auxiliartruppen auch die Flotte. Zwar gab es zur Sicherung der Reichsgrenze in allen drei Provinzen eine Kette von Kastellen entlang des jeweiligen Flusses, eine effektive Überwachung der Grenze war jedoch nur mit Schiffen möglich, die täglich Patrouillenfahrten unternahmen, wie es noch der Schriftsteller Ammianus Marcellinus für das 4. Jh. beschreibt. Niedergermanien, Unterpannonien und Niedermösien waren allerdings nicht die einzigen Provinzen mit einer Flußgrenze zum Barbaricum. Da die Flotten aber nicht provinzübergreifend operierten, muß man fragen, wer hier den Wachdienst übernahm.
Eine Besonderheit der Provinz Moesia inferior gibt dafür einen ersten Hinweis. Obwohl es in dieser Provinz eine eigene Flotte gab, die classis Moesica, hat man im Legionslager Novae Ziegel gefunden, bei denen der Name der dort stationierten legio I Italica in einem schiffsförmigen Rahmen steht. Dabei handelt es sich nicht um irgendein Schiff, sondern um ein Kriegsschiff mit dem typischen Bug und einer Heckzier, wie es auch die Liburnen auf der Trajanssäule zeigen. Diese recht seltene Art, einen Ziegel zu stempeln, legt die Annamhe nahe, daß die legio I Italica über eine Abteilung mit Kriegsschiffen verfügte. Die Ziegel gehören sicher in das 2. Jh. n.Chr. Daß bedeutet aber, daß in Moesia inferior neben der eigentlichen Flotte noch die Flottenabteilung einer Legion stationiert war. Der Grund dafür liegt im Operationsgebiet der classis Moesica. Ihre Inschriften und Ziegel finden sich nämlich nur an der westlichen und nördlichen Schwarmeerküste sowie im Donaudelta. Weiter flußaufwärts fehlen sie. Man darf daher annehmen, daß die classis Moesica vor allem seetüchtige Schiffe mit großem Tiefgang besaß, die für einen Einsatz auf Flüssen ungeeignet waren. Deshalb übernahm an diesem Abschnitt der mösischen Grenze die legio I Italica mit besser geeigneten Schiffen die Überwachung der Donau.

Der Befund in Moesia inferior ist aber nicht der einzige Hinweis auf Flottenabteilungen bei Legionen. Eine Bestätigung ergibt sich aus den Angaben in der Notitia Dignitatum, einem spätantiken Verwaltungshandbuch. Darin werden u.a. Legionsverbände und ihre Standorte aufgelistet, die unter dem Kommando des Dux Pannoniae I et Norici standen. Einige dieser Verbände bestanden aus Liburnarii bestimmter Legionen. Bezeichnete das Wort Liburna zunächst ein ganz bestimmtes kleineres Kriegsschiff, wurde es im Laufe der Zeit zum Synonym für ein Kriegsschiff generell. Liburnarii hießen in der Spätantike demnach die Besatzungsmitglieder von Kriegschiffen. Nach der Notitia Dignitatum verfügten vier Legionen über solche Liburnarii: die legio II, die legio X, die legio XIV und die legio I Noricorum. Bis auf die legio I Noricorum, die erst Ende des 3. Jhs. aufgestellt wurde, handelt es sich dabei um alte Einheiten, deren Standorte im 2. und 3. Jh. bekannt sind. Schließt man von den Angaben in der Notita Dignitatum nun auf die Verhältnisse in früherer Zeit zurück, ergibt sich folgendes Bild: In Noricum wurde die Donau mit Schiffen der legio II Italica überwacht, die seit 172/173 n.Chr. in Lauriacum lag. Ende des 3. Jhs. erhielt sie von einer Abteilung der legio I Noricorum in Favianae Unterstützung. In Pannonia superior nahmen diese Aufgabe die 10. Legion in Vindobona und die 14. Legion in Carnuntum wahr. In beiden Provinzen bildete die Donau die Reichsgrenze, doch genügten hier anscheinend Flottenverbände von Legionen zur Grenzüberwachung - möglicherweise, weil die Grenze hier von den Römern als weniger gefährdet angesehen wurde.

Auch für Provinzen, in denen der Fluß nicht die Reichsgrenze bildete, gibt es Hinweise auf militärische Schiffsverbände von Legionen. So findet sich Nis die Grabinschrift des L. Cassius Candidus, Soldat der legio VII Claudia in Viminacium in Moesia superior. Er war vor seinem Tod discens epibetarum. Epibeta ist in der römischen Kaiserzeit ein sehr selten gebrauchter Begriff für einen Flottenangehörigen. Er bezeichnet speziell den Marinesoldaten im Gegensatz zu den mit nautischen Aufgaben betrauten Militärs. Die Inschrift wird im allgemeinen in das späte 2./3. Jh. datiert. Sie gehört damit in eine Zeit, in der Moesia superior keine Grenzprovinz mehr war. Da jedoch ein Fluß nie so gesperrt werden kann wie eine Landgrenze und gerade die Donau als Verkehrsweg überregionale Bedeutung besaß, blieb auch nach Einrichtung der Provinz Dakien eine Überwachung der Donau als militärische Aufgabe bestehen.

Eine vergleichbare Situation kennt man am Rhein in Obergermanien. Gehören noch der Anker mit einer Marke der 16. Legion, die in claudischer Zeit in Mainz lag, und der Grabstein eines Schiffsbauers der 22. Legion aus dem späten 1./frühen 2. Jh. in eine Periode, als auch hier Flüsse - zunächst der Rhein, dann der Neckar - die Reichgrenze bildeten, so gilt das nicht mehr für die beiden Soldaten der 22. Legion, die als optiones navaliorum die legionseigene Werften beaufsichtigten. Beide gehören in das späte 2. Jh., als bereits der vordere Limes gebaut war.
Gegen die Annahme, daß die 22. Legion in dieser Zeit nur Frachtschiffe besaß, spricht einer ihrer Ziegelstempel aus dem 2./3. Jh. Deutlich ist hier unter dem Legionsnamen ein Kriegsschiff mit konkavem Bug und vielen Ruderern zu erkennen. Wie für Moesia superior müssen wir also auch für Germania superior damit rechnen, daß die Römer - unabhängig von der Grenzsituation - an großen Flüssen Militärschiffe einsetzten, ohne daß wir ihre speziellen Aufträge heute kennen.


Bitter nötig war die Flottenabteilung der 22. Legion jedoch wieder in der Zeit nach 260 n.Chr., als das rechtsrheinische Gebiet aufgegeben worden war. Damals bildete der Rhein wieder die Reichsgrenze. Sie war am linken Ufer durch eine Kastellkette gut befestigt. Auf dem rechten Ufer gab es an der Einmündung wichtiger Nebenflüsse kleine Vorposten, die sog. Burgi, die nur mit Schiffen erreicht werden konnten. Ihre Umfassungsmauern waren in die Flüsse hineingebaut worden und bildeten so einen kleinen Hafen. In diese historische Situation gehören die Schiffe Mainz 1-5 aus dem späten 3. und 4. Jh. Während die Schiffe 1 und 2 sowie 4 und 5 zu einem sehr schlanken schnellen Typ gehören, handelt es sich bei Schiff 3 um ein breiteres kürzeres Schiff. Beide Typen wurden originalgetreu nachgebaut und stehen im Museum für Antike Schiffahrt in Mainz.
Der Nachbau Mainz A beruht auf der wissenschaftlichen Auswertung der Schiffe Mainz 1 und 5. Danach ergab sich in der Rekonstruktion ein ca. 21 m langes, sehr schlankes Schiff mit einem Längen/Breiten-Verhältnis von 8:1, das sowohl gerudert als auch gesegelt werden konnte. Dank der günstigen Form konnten diese Schiffe hohe Geschwindigkeiten erreichen. Der Kiel ist flach und hebt sich kaum vom Boden ab. Die 35-köpfige Besatzung bestand aus 32 Ruderern - auf jeder Seite 16 hintereinander -, zwei Leuten zur Segelbedienung und einem Steuermann. Der Abstand der Dollpflöcke beträgt 90 cm, ein Maß, das mit der antiken Überlieferung übereinstimmt, wonach Ruderer in einem solchen Abstand sitzen solten, um sich nicht gegenseitig zu behindern.

Die bei dem Schiff 5 erhaltenen Reste des Bugs legen nahe, daß die Schiffe dieses Typs einen zurückschwingenden Kriegsschiffbug besaßen. Die Steuerungsanlage wird durch einen quer durch das Schiff verlaufenden Balken gebildet, der als Widerlager für die beiden Seitenruder dient. Schiffe dieses Typs dienten aufgrund ihrer großen Geschwindigkeit wohl sehr wahrscheinlich als Mannschaftstransporter. Möglicherweise stellte die Besatzung eines solchen Schiffes auch die Wachmannschaft der kleinen rechtsrheinischen Burgi dar.

Der Nachbau Mainz B verkörpert einen breiteren und kürzeren Schiffstyp. Seine Rekonstruktion geht auf das Schiff Mainz 3 zurück; das nicht mehr erhaltene Vorschiff wurde nach dem römischen Schiffsmodell aus dem Schatz von Rethel (F) ergänzt. Auch dieses Fahrzeug konnte gerudert und gesegelt werden. Das schmale Heck und das Verhältnis von Länge zu Breite wie 5:1 weisen es als Militärschiff aus.

Anders als der Nachbau Mainz A besitzt der Nachbau ein geschlossenes Deck im Heck. Das Mittschiff mit einem Ausleger auf beiden Seiten bietet nur 14 Ruderern Platz, auf jeder Seite 7. Damit war es bedeutend langsamer als Mannschaftstransporter. Sehr wahrscheinlich war es als Patrouillenschiff eingesetzt, bei dem es weniger auf Schnelligkeit ankam als auf ein regelmäßiges Erscheinen, wie aus einem Bericht von Ammianus Marcellinus hervorgeht. Obwohl die literarischen Quellen darüber schweigen, wie in der zweiten Hälfte des 3. und im 4. Jh. die Grenzüberwachung in Obergermanien organisiert war, sprechen die Schiffsfunde eine eindeutige Sprache: Es war Aufgabe der Mainzer Legion, die zu diesem Zweck eine eigene Flottenabteilung besaß.

Auch die Provinz Rätien an der Donau besaß eine Flußgrenze. Hier zeigt sich, daß nicht nur Legionen Flottenabteilungen gehabt haben müssen, sondern auch Auxiliareinheiten. 1994 konnten Mitarbeiter des Museums für Antike Schiffahrt in Mainz bei dem Auxiliarkastell Oberstimm an der Donau zwei römische Schiffe ausgraben (Oberstimm 1 und 2).
In ihrer Form ähneln sie dem schnellen Mannschaftstransporter aus Mainz, doch sind sie ganz in mediterraner Technik gebaut. Die Planken weisen eine Nut-Feder-Verbindung auf, als Baumaterial verwendete man Kiefer für Planken und Eiche nur für Kiel und Spanten. Wie die spätantiken Schiffe aus Mainz konnten sie gerudert und gesegelt werde. Allerdings waren sie etwas kürzer und nur für eine 21- bzw. 17-köpfige Besatzung vorgesehen. Vor allem durch das schmale Heck und das Verhältnis von Länge:Breite wie 6:1 lassen sie sich eindeutig als Militärfahrzeuge ansprechen.

Nach den dendrochronologischen Untersuchungen wurden die Schiffe in spätdomitianischer/trajanischer Zeit gebaut. Spätestens 120 n. Chr. wurden sie außer Dienst gestellt und zur Uferbefestigung benutzt, denn Pfähle einer Uferbefestigung aus diesem Jahr durchschlagen die beiden Schiffe. Auch sie waren wohl zur Flußüberwachung eingesetzt, denn in trajanischer Zeit war der Ausbau des rätischen Limes noch nicht abgeschlossen. Eine Überwachung des Flusses erscheint also vor diesem Hintergrund recht sinnvoll. Da in dieser Zeit aber noch keine Legion in Rätien stand, müssen die Schiffe aus Oberstimm zu einer Auxiliareinheit gehört haben.

Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß Flotten und Flottenabteilungen sowohl bei Feldzügen für Nachschubsicherung und Truppentransport als auch bei der Überwachung von großen Flüssen - bildeten sie die Reichsgrenze oder stellten sie nur überregionale Verkehrswege dar - von großer Bedeutung waren. Deshalb konnten die römischen Kaiser auch nach der Schlacht von Actium auf ihre Kriegsmarine nicht verzichten.

Barbara Pferdehirt
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