Über die beschädigten Schiffsenden gemessen, ist
das Wrack noch 14,4 m lang. Der vorne bis hinter die Bruchkante
vom Steuerbordkielgang zerstörte Kiel endet bei 13,2 m. Die
mittschiffs 2,3 m betragende größte Breite schließt
Verformungen sowie durch die seitliche Verkippung verursachten
Unschärfen mit ein. Die reale Breite und Höhe der erhaltenen
Rumpfschale läßt sich erst nach der Schwenkung in die
Schwimmlage sowie durch Anformung von aus dem Verband gerissenen
Partien näher bestimmen.
Durch die Verlängerung des Kiels um den aus der Rumpfform
hergeleiteten Betrag ergibt sich ein leicht aufwärts gekrümmter
Sporn. Von dessen Spitze zurückversetzt, stehen ein sichelförmiger
Mittelsteven sowie zwei oben noch etwas weiter rückwärts
schwingende Seitensteven. Sie bilden den Übergang von den
dort endenden Bordwänden in den pflugscharartigen Überwasserbug.
Voraussetzungen
Während und nach der Freilegung des Wracks wurden das
gesamte Objekt sowie Detailbefunde durch annähernd 1000 Fotoeinstellungen
(Diafilme in Klein- und Mittelformat) dokumentiert. Die zeichnerische
Aufnahme erfolgte nach dem Quadrantenverfahren unter Verwendung
eines Feldpantographen im Maßstab 1:10. Über den kolorierten
Feldplan hinaus wurden etliche Rumpfquerschnitte angefertigt.
Als Achslinien dienten v.a. die Achterkanten jedes Spants. Das
Wrack läßt sich trotz seiner Verkippung um bis zu 20
Grad nach Steuerbord (vgl. 2 Orientierung) im Feldplan (Draufsicht)
längsschiffs vermessen (z.B. die Spantabstände). So
geht aus den etwa 30 bis 60 cm auseinanderliegenden Querschnitten
die Kontur vom Schiffsboden und der Bordwände hervor. Die
Silhouette vom Kiel (Aufkimmung längsschiffs) ergibt sich
aus den Höhennivellements. 1998 wurde im Museum für
Antike Schiffahrt die photogrammetrische Vermessung von außen
vorgenommen, die das Beplankungssystem als Abwicklung darstellt.
Orientierung
Die konstruktiv bestimmte Fahrtrichtung des Bootes leitet sich
aus der Position einer Mastspur im Kielschwein ab. Aufgrund der
mit ca. 10,5 m sehr großen und bei 5 m deutlich geringeren
Distanz zu den jeweiligen Schiffsenden mua es sich bei dem nächstgelegenen
um den Bug handeln, weil Einzelmasten aus segelphysikalischen
Gründen stets vorlich der Schiffsmitte anzuordnen sind. Demnach
handelt es sich bei der umfangreicher erhaltenen Rumpfpartie um
die Steuerbordseite.
Abmessungen vom Wrack
Methodik der Ergänzung und Wiederherstellung
Die Grundlage für die Rekonstruktion von Abmessungen und
der Form des Schiffskörpers bildet der archäologische
Befund. Die an den Spanten genommenen Querschnitte beschreiben
die Querschnittskonturen vom Rumpf. Daraus wurde ein Spantria
mit eng gestaffelten horizontalen Schnittebenen erstellt, dessen
Koordinaten in anderen Projektionsebenen, in Seiten- und Wasserlinienria
wiederbegegnen. In diesen Zeichnungen wurden wichtige Daten, wie
der Konturverlauf des Kiels, der Unterkante vom Kielschwein und
der Bargholzoberkante sowie die Position der Spantebenen berücksichtigt,
um so den Schiffskörper und seine Ausstattung dreidimensional
beurteilen zu können.
Heck
Achtern ist der Kiel komplett erhalten. Sein Ende ragt dort
ca. 40 cm höher als die Kielsohle mittschiffs (Spant 10-12).
Das Kielende zeigt oben die mittelbaren Spuren eines Achterstevens,
der mit zwei von unten nach oben durch den Kiel getriebenen Eisennägeln
befestigt und leicht in das Kielholz eingelassen war. Ihre bis
zu 21 cm daraus hervorragenden Schäfte sprechen für
einen Steven mit ungewöhnlich massiver Basis. Das allein
legt einen eher steil aufgerichteten als weit nach achtern ausladenden
Steven nahe. Bei den untersten drei Planken an Steuerbord (Nr.
1, 2 und 4; Nr. 3, ein Totgang, endet vorlich) sind noch die achteren
Enden mit außen versäuberten Kanten und Bohrungen für
Eisennägel zu erkennen, mit denen sie am Steven befestigt
waren. Da die drei Planken im Bereich vor dem Kielende auslaufen
und weil sich aus ihrer Breite für die Oberkante von Nr.
4 eine Höhe von rund 80 cm abzeichnet, kann das Fahrzeug
nur über einen annähernd senkrechten Achtersteven verfügt
haben. Dasselbe bestätigt der Verlauf der Wasserlinien vom
Achterschiff: Die Schärfe des Rumpfes würde sich bei
Annahme eines heckwärts ausfallenden Stevens zu einer praxisfernen
Lösung steigern.
Bug
Der auch vorne aufwärts gekrümmte, an seinem erhaltenen
Ende aber zersetzte Kiel ragt noch knapp 45 cm hoch. Hier belegen
etliche Eisennägel und -klammern, die der zusätzlichen
Befestigung der Kielgänge am Kiel dienten, die unmittelbare
Nähe zum Vordersteven. Beim nächst benachbarten Spant
1 ist die Bordwand mit vier Plankengängen noch mehr 1 Meter hoch erhalten. Bis hierhin läßt sich die Form des
Schiffskörpers durch eine signifikante Anzahl Wasserlinien
darstellen. Aus der hypothetischen Verlängerung dieser horizontalen
Schnittlinien nach vorne ergibt sich, daa der Rumpf ursprünglich
maximal 1 bis 1,2 m vor der äußersten Bruchkante des
Wracks abschloß. Weil diese Strecke zu kurz ist, um einen
konvex gekrümmten, den Kiel nach vorne und oben verlängernden
Steven zu ergänzen, und, weil senkrechte Bugkonturen in der
römischen Schiffsikonographie nicht nachzuweisen sind, stellt
die Rekonstruktion einer in der Silhouette konvex-konkav gegliederten
Konstruktion die einzig sinnvolle Alternative dar. Kennzeichnend
für solche Bugformen ist ein vorne scharf endendes Unterwasserschiff,
das in einen Sporn mündet. Oberhalb der Schwimmwasserlinie
schwingen die Bordwände konkav nach hinten, und der Rumpf
schließt vorne mit einer eher stumpfen, pflugscharartigen
Konstruktion ab. Gemäa antiker Schiffsbilder war diese Bauweise
typisch für römische Kriegsschiffe. Sie begegnet auch
bei den spätantiken Flußbooten vom Typ Mainz I und
deckt sich zudem mit dem militärischen Funktionscharakter
der Oberstimm-Boote.
Nach den am Kielschwein sowie in der Bargholzoberkante überlieferten
Spuren verfügte Boot 2 über mindestens acht fest eingebaute,
in der Mitte jeweils unterfangene Ruderbänke. Für das
Achterschiff ist eine weitere Ducht anzunehmen. Mißt man
nämlich um den Betrag des üblichen Längsabstandes
(98 cm) von der hintersten erhaltenen Duchtstütze im Kielschwein
nach achtern, ergibt sich bei dieser Querachse eine Schiffsbreite,
die der im Bereich der vordersten bezeugten Ruderbank entspricht.
Demnach kann von 18 Mann Ruderbesatzung ausgegangen werden.
Die Formgebung und Abmessungen von Dollen und Ruderbänken
entsprechen den Befunden in Wrack 1. Die Riemen sind der Darstellung
römerzeitlicher Antriebsruder auf Schiffsbildern nachempfunden
worden. Zwei im Abstand von knapp 40 cm beiderseits der Längsachse
angeordnete Reihen Holznägel dienten zur Befestigung von
Stringern oder Balkwegern, die sich zur Rekonstruktion von Fußstemmvorrichtungen
anbieten und im Heckbereich das Auflegen eines Decks ermöglichen.
Das stehende Gut reduziert sich auf zwei Wanten. Sie sind gemäa
eines Hinweises aus Oberstimm 1 über Taljen an der letzten
heckwärtigen Ruderbank befestigt.
Besegelung
Die im Kielschwein vorhandene Mastspur belegt, daa Boot 2 über
eine Besegelung verfügt hatte. Dabei kommt am ehesten eine
Rahbesegelung in Frage. Die rekonstruierten Abmessungen von Mast,
Rah und Segel orientieren sich an der ungefähr kalkulierbaren
Tragfähigkeit des Fahrzeugs. Für die Leinenführung
des laufenden Gutes wurde eine durch römische Schiffsbilder
belegte Variante gewählt: Die beiden Fallen werden über
einen großen herzförmigen Doppelblock vom Mast zum
Heck hin umgelenkt. Zwei bei den Rahnocks angeschlagene Topnanten
dienen der Stabilisierung und vertikalen Trimmung der Rah. Sie
laufen ebenso wie die vier über die Fläche des Segels
verteilten Reff- und Bergeleinen (Gordings) über Blöcke
vom Typ Caesarea, die unterhalb vom Masttop hängen, ins Schiff,
wo sie auf einer balkenartigen Nagelbank (Fallknecht) gesammelt
werden. Die Lage dieses Elements richtet sich nach einem Befund
in Wrack 1, wo etwa 85 cm von der hintersten Ducht Spuren eines
Querholzes bezeugt sind.
Ruderanlage
Angelehnt an Befunde in den spätantiken Flußschiffen
aus Mainz durchstößt ein horizontaler Balken im Heck
den Schergang. Zwei Krummhölzer versteifen den Querbalken
zum Rumpf hin. Zur Lagerung der Seitenruder am Balken dienen Tauwerksbändsel
(Zeisinge). Die Form der Ruderblätter geht auf antike Bildvorlagen
zurück.
Ronald Bockius