DAS BOOT YVERDON 2

 

Entdeckung, Erhaltung und Datierung

Gefunden im Jahre 1984 bei Grabungen in der Altstadt von Yverdon (CH), rund 200 m nördlich der römischen Festung Eburodunum im Bereich vor dem antiken Mündungstrichter der Thièle in den Neuenburger See, repräsentiert das Wrack aus der Zeit um den Übergang vom 3. zum 4. Jh. n. Chr. einen Fahrzeugtypus, der in seinem ursprünglichen Bauzustand einer Variante der Stammboote angehörte, die in einem jüngeren Stadium im Rahmen von Reparaturmaßnahmen durch Einfügen von Planken verändert worden ist. Der einst etwa 10 m lange, kaum 1,5 m breite und mittschiffs 0,7 m hohe eichene Rumpf ist umfangreich erhalten. Schäden beschränken sich auf Bug und Heck sowie auf eine der Bordwände. Der Schiffskörper verjüngt sich in unterschiedlichem Maße zu den stumpf abschließenden Enden hin, wobei der flache Schiffsboden dort jeweils in gerundeten Konturen aufkimmt. Trotz seiner Plattbodigkeit verlaufen die Seiten vom Schiffskörper – begünstigt durch dessen Modellierung aus gehöhlten Baumstämmen - leicht gerundet, mit den Bordkanten sogar etwas nach binnenbords gelehnt.

Bauart

Das Fahrzeug war ursprünglich als zweischaliges Stammboot konstruiert, dessen Rumpf aus zwei gehöhlten Eichen bestanden hat. Zur Herstellung einer provisorischen Bausteifigkeit waren die im Bodenbereich bis zu 8 cm starken Elemente vorübergehend mit Holzstiften auf einer Unterkonstruktion befestigt. Die Naht zwischen den spiegelsymmetrisch geformten Hälften verlief entlang der Mittelachse, gesichert durch wechselweise von der einen oder anderen Seite tangential eingeschlagene Nägel sowie in lockeren Abständen außen aufgenagelte kurze Bandeisen. Eiserne Bandagen im Heckbereich deuten auf eine separat angesetzte Aufhöhung hin. Mit denselben Mitteln – Flacheisen und tangentiale Vernagelung – wurde Rissbildung entgegengewirkt und so sind auch die nachträglich eingepassten Flickhölzer bzw. Planken fixiert worden. Zur Abdichtung der Nähte dienten von außen eingepresste Stränge aus tordiertem Moos, die mit hauchdünnen Leistchen abgedeckt und durch doppelreihig angeordnete Nägelchen geheftet waren.

Für die Verbindung und Queraussteifung beider Rumpfschalen sorgte ein in Abständen von rund 1 m bis 1,25 m verlegtes System aus gewachsenen Spanten, mehrheitlich Paare knieartiger Korben. Ein zierlicher, im Vorschiffsbereich quer über die Mittelnaht genagelter Eicheklotz enthielt ein Stemmloch zum Einsetzen eines Masts (oder Treidelpfostens?). Ein ähnlich geformtes Objekt aus Nadelholz (Abies alba) wurde auf dem Boden des Achterschiffs liegend angetroffen. Das Element kommt aufgrund fragwürdiger Festigkeit sowie wegen seiner Anordnung im Rumpf nicht als weitere Mastspur in Betracht, weist aber auf die ursprüngliche Existenz eines Einbaus hin, vermutlich auf eine Sitzducht, die dort durch eine vertikale Stütze unterfangen worden ist.

 

Antrieb und Verwendung

Auf den Antrieb durch menschliche Muskelkraft deuten die Montagespuren von Duchten hin. Fünf an der fast komplett erhaltenen Steuerbordseite nachweisbare, beim Höhlen des Rumpfrohlings modellierte Knaggen mit horizontalem Einschub dienten als Lager für etwa 3 cm starke Bänke mit einem Abstand von 108 bis 110 cm. Ihre Sequenz wies im Bereich der Querschiffsachse durch die Mastspur eine Lücke auf; dort ist mit dem ursprünglichen Vorhandensein einer weiteren Ducht zu rechnen, die unmittelbar achterlich vom Mast den Bootskörper querte und zur Versteifung der Takelage beigetragen hatte. Das Fahrzeug ließ sich nicht konventionell mit paarweise untergebrachter Riemenbesatzung fahren – dagegen spricht seine viel zu geringe Breite. Sechsköpfiger Riemenbetrieb bei jeweils einfach besetzten Duchten ist nur dann denkbar, wenn das Boot gegen die unter Segel übliche Fahrtrichtung, also über das Heck gerudert worden ist. Darauf weisen nach dem Anordungsprinzip der Ruderbänke verteilte und von diesen in geeigneter Distanz (rund 35 bis 40 cm) bugwärtig entfernte zylindrische Bohrungen knapp unterhalb der Bordkante hin, wenn man sie als Tauwerkdurchführungen für Grummets (Riemenwiderlager) auffasst. Allerdings lässt der mit knapp 10 cm allzu geringe Höhenunterschied zwischen der erschließbaren Sitzfläche sowie der Bordkante grundsätzlich an Ruderbetrieb zweifeln. Hingegen würde sich das mit 0,7 t leichte Boot, besetzt mit zwölf Mann, in idealer Weise für den Antrieb mit Paddel eignen, reduzierte sich unter solchen Voraussetzungen doch der Freibord auf weniger als 40 cm. Der in Erwägung gezogenen militärischen Verwendung des Fahrzeugs durch die ortsansässige Classis Barcariorum steht auch aus dieser Sicht nichts im Wege, zumal selbst der aus der Notitia dignitatum bekannte, auf das befestigte spätantike Yverdon beziehbare lateinische Flottenname an die Ausrüstung mit Kleinfahrzeugen denken lässt.

Text: Ronald Bockius

 

 

Literatur:

B. Arnold, Batellerie gallo-romaine sur le lac de Neuchâtel 2. Arch. Neuchâteloise 13 (Saint-Blaise 1992) 22ff.

R. Bockius, Gleichmaß oder Vielfalt? Zum interscalmium bei Vitruv (De architectura I2,21f.). Studia Antiquaria. Festschr. Niels Bantelmann. Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 63 (Bonn 2000) 119ff.

M. Reddé, Mare Nostrum. Bibl. Écoles Franç. Athènes Rome 116 (Rom 1986) 307f.; 628ff.

Fr. Terrier (Hrsg.), Les embarcations gallo-romaines d’Yverdon-les-Bains. Exposition permanente au Château d’Yverdon-les-Bains (Yverdon-les-Bains 1997) bes. 18ff.

D. Weidmann u. M. Klausener, Un canot gallo-romain à Yverdon-les-Bains. Arch. Suisse 8, 1985, 8ff.