DER PRAHM VON DRUTEN

 

Fundplatz, Erhaltung und Datierung

Das 1973 in einem verlandeten Arm des antiken Waal freigelegte Wrack eines prahmartigen Fahrzeugs aus Druten, Prov. Gelderland (NL) unterscheidet sich in dimensionalen, formalen und konstruktiven Details von den übrigen Prähmen. Von dem ursprünglich noch 27 m langen Schiffskörper, der aus einem platten Schiffsboden mit beiderseits flankierenden, über ungleich lange Strecken erhaltenen Kimmhölzern bestand, gelangte eine 16 m lange Sektion in das Nederlands Instituut voor Scheeps- en onderwater Archeologie (NISA). Verkohlungsspuren legen den Verlust des Fahrzeugs durch Feuer nahe; Bruchstücke von Dachziegeln und Schiefer deuten an, welche Art Güter transportiert worden sind. Als Datierung kommt das spätere 2. oder das 3. Jh. in Betracht.

 

Einzelheiten der Konstruktion

Planken

Dem Erhaltungsumfang nach handelte es sich bei dem Rumpf um die Mittschiffssektion mit anschließendem unvollständigen Schiffsende eines sehr großen, angesichts unter 4 m maximaler Breite jedoch außerordentlich schlank gebauten Plattbodenfahrzeugs. Seine 0,06 bis 0,08 m starke Bodenbeplankung wurde von zunächst fünf Plankengängen auf drei und dadurch die Bodenbreite um 40% von 2,8 auf etwa 1,7 m reduziert. Demnach war das Plankenschema asymmetrisch gegliedert, der eine oder andere Gang auch geschäftet. Rissbildung oder Einpassungen erschweren zwar die Identifizierung einer Ordnung der Nahtabfolge, doch scheint das System achsensymmetrisch angelegt worden zu sein. Auf beiden Seiten begrenzen ungewöhnlich modelliertete Eicheprofile die Kimm. Im Querschnitt sichelförmig gerundet, zeichnet sich für das am besten erhaltene Kimmholz nur außen ein annähernd scharfer Wechsel vom liegenden in den aufgehenden Abschnitt ab. Nach dessen Abmessungen war der so gestaltete wannenartige Schiffskörper knapp 0,5 m hoch. In konstruktiv sinnfälliger Lage oberhalb eines der Profilhölzer im Sediment angetroffene Eisennägel könnten auf ein dort ursprünglich montiertes Oberbord hindeuten.

Spanten

Die Schale enthält Korbenpaare mit alternierend gedrehten Kniesegmenten, verteilt im Abstand von um 0,6 m. Dort, wo sich der Schiffskörper verjüngt, löst sich die Regelhaftigkeit auf. Bis um 0,2 m breit und 0,05 bis 0,06 m stark, sind die Spanten mit jeweils zwei Eisennägeln pro Plankengang von außen und von innen mit der Schale verbunden. Die mit der Profilierung der Kimm nur ungefähr korrespondierenden gewachsenen Korbenäste waren nahe der Astwurzel mit dem Flankenelement dreifach vernagelt worden; zumeist abgebrochen oder vergangen, bleibt die Anbindung der oberen Partien mit den Rumpfseiten ungewiss. Zur Verteilung der Bilge war jedes Spant mit drei Durchlässen (Nüstergatts) versehen. In einem Spantzwischenfeld der Mittschiffssektion (Korben 44/45) verdeckte ein Holz die Naht zwischen Kimmprofil und Nachbarplanke. In nächster Umgebung wurde ein anderes Feld (Korben 48/49) durch ähnliches Arrangement aus zwei 0,6 mal 0,14 m messenden Querbrettern voll ausgefüllt.

 

Einbauten

Dort, wo sich im Wrack ein Schiffsende abzeichnet, verdichten sich Spuren von Einbauten und einzelne Beschläge: Die mit 0,08 m Stärke besonders kräftige Korbe 7 war an einer Stirnseite gratartig verdickt und mit zwei azentrisch angeordneten, von oben in die Querrippe gearbeiteten rechteckigen Eintiefungen, dem Augenschein nach Zapflöcher. Ein in einer Beschlagöse beweglicher Eisenhaken war im Bereich der Schiffsmittelachse am Spant fixiert, um so ein Objekt, vermutlich ein Ruder, in der Vertikalen zu balancieren. Ein aus der Mitte seitlich verschoben auf die Korben 4 und 5 genagelter, 0,5 mal 0,1 mal 0,11 m großer Eicheklotz enthielt im Zentrum ein 4 cm tiefes Zapfloch mit 6 mal 8 cm Seitenlänge. Das Element gleicht zwar einer besonderen, durch Küsten- und Binnenschiffe gallrömischer Bauart (Barland’s Farm; Yverdon) überlieferten Mastspur, kommt als solche aufgrund seiner Lokalisierung im Rumpf nicht in Betracht. Rekonstruktionen gehen von einer Funktion als Sohlholz für ein dort unterfangenes (Achter-) Deck aus, das über zusätzliche, in die Öffnungen von Korbe 7 gezapfte Stützen verfügte. Die Relikte einer sehr filigran hergestellten Vertäfelung aus 6 cm schmalen, nur 0,6 cm dicken, von Querleistchen zusammengehaltenen Eiche- und Erlebrettchen wird vermutungsweise als Rest eines Daches oder Lukendeckels erklärt, erinnert jedoch auch sehr an eine im Prahm von Woerden bezeugte annähernd wetterfeste Verschlagskonstruktion zur Unterbringung von persönlicher Ausstattung der Schiffsbesatzung. Der individuelle Charakter des Plattbodenschiffs von Druten teilt sich nicht zuletzt dadurch mit, dass sein erhaltenes Rumpfende weniger einer rampenförmigen Kaffe als dem gerundeten Abschluss eines Einbaums geglichen zu haben scheint. Auch im Hinblick auf seine weich geformten Kimmhölzer steht der Schiffsfund es diesem Zweig altertümlichen Schiffbaus näher als den schärfer profilierten Prähmen.

Text: Ronald Bockius

Literatur:

R.S. Hulst, Romeinse Scheepsvondsten in Nederland. Spiegel Historiael 9, 1974, 234ff.

R.S. Hulst u. L.Th. Lehmann, The Roman Barge of Druten. Ber. ROB 24, 1974, 7ff.

L.Th. Lehmann, The Romano-Celtic boats from Druten and Kapel-Avezaath. In: J. du Plat Taylor u. H. Cleere (Hrsg.), Roman shipping and trade: Britain and the Rhine provinces. CBA Research Rep. 24 (London 1978) 77ff.

L.Th. Lehmann, The flat-bottomed Roman boat from Druten, Netherlands. Internat. Journal Nautical Arch. 7, 1978, 259ff.

M.D. De Weerd, Römerzeitliche Transportsschiffe und Einbäume aus Nigrum Pullum/Zwammerdam (Z.-H.). In: Studien zu den Militärgrenzen Roms II. Bonner Jahrb., Beih. 38 (Köln/Bonn 1977) 194.

M.D. De Weerd, Schepen voor Zwammerdam. Academisch Proefschrift Universiteit van Amsterdam (Amsterdam 1988) 236ff.